Leseprobe aus Rowan & Ash

Nur noch ein paar Tage, dann erscheint mein queeres Fantasy-Jugendbuch. Wie ihr euch vorstellen könnt, bin ich ziemlich aufgeregt. 

Um die Zeit bis zum 20.07.2020 etwas zu verkürzen, gibt’s heute eine Leseprobe aus ROWAN UND ASH. Der Roman startet zwar mit einem Prolog, der nachfolgende Textauszug stammt jedoch aus dem ersten Kapitel:

Schattenlabyrinth

Die Festung wirkt wie eine schwärende Wunde inmitten der grünen Hügellandschaft. Dieser Ort, den man das Schattenlabyrinth nennt, war einst die schönste Schlossanlage dies- und jenseits des Meeres. Unmöglich, sich das heute vorzustellen. Die kohlschwarzen Ruinen, die sich aus der Landschaft bohren, erinnern mich an das verfaulte Gebiss eines Riesen. Im Umkreis von einer Meile wächst nichts mehr um das einstige Herrscherhaus: kein Baum, kein Strauch, noch nicht einmal Gras. Magie hat das Schloss errichtet und Magie hat es zerstört. Was bleibt, ist ein verfluchter Schandfleck im grünen Herzen unseres Inselkönigreichs. 

„Das genügt. Viel näher heranzureiten wäre töricht.“ Vater zügelt neben mir das Pferd und gleitet aus dem Sattel.

„Komm“, fordert er mich auf, nachdem ich es ihm gleichgetan habe. Gemeinsam gehen wir zu Fuß weiter auf die Schattenfeste zu, während sich unsere Leibwächter um unsere Pferde kümmern.

Erst am Hügelkamm bleiben wir stehen. Wider besseres Wissen wage ich einen Blick in die Tiefe. Der Hang vor uns fällt steil ab. Dorniges Astwerk krallt sich in die zerklüfteten Felsen. Die rostroten Gesteinseinschlüsse erinnern mich an geronnenes Blut. Mein Magen zieht sich zusammen und mir wird schwindlig. Schnell trete ich einen Schritt zurück und zwinge mich, meinen Blick in die Ferne zu richten, hinüber auf die Festung. 

Ich spüre Vaters Hand auf meiner Schulter und langsam beruhigt sich mein Herzschlag. Eine Weile lang sprechen wir nicht. Der Wind zerzaust mir das Haar, die Luft schmeckt nach Rauch und Verwesung und noch etwas Anderem. Es ist weniger ein Geschmack als vielmehr ein Prickeln auf der Zunge. Magie. Nirgendwo auf der Welt ist die Magie so stark wie hier. Und nirgendwo so gefährlich. Die schwarzen Maurerreste des Schattenlabyrinths wirken selbst aus der Ferne brandnarbig, als bestünden sie aus Torf.

„Geht es wieder?“

Ich nicke. Vater drückt noch einmal fest meine Schulter, dann lässt er los. „In der Hauptstadt darfst du dir die Angst nicht anmerken lassen.“

Meine Ohren beginnen zu glühen. „In Ionnach gibt es keine Gebirgsschluchten.“

Natürlich weiß ich, dass Vater nicht das meint. In der Hauptstadt kann man auf viele Arten fallen, und viele Große Familien wären begeistert davon, uns stürzen zu sehen.

„Du kannst dich auf mich verlassen“, schiebe ich deshalb hinterher.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Vater nickt. „Das weiß ich, Rowan.“

„Und warum sind wir hierher gekommen?“

„In Ionnach haben die Wände Ohren. Ich wollte noch einmal in Ruhe mit dir reden.“

„Was ist mit Mutter?“

„Ich habe keine Geheimnisse vor ihr oder deinen Schwestern. Aber es gibt Dinge, die ein Vater nur mit seinem Sohn besprechen kann.“

Das erinnert mich an ein äußerst unangenehmes Gespräch vor ein paar Jahren und ich spüre, wie mir die Hitze erneut ins Gesicht steigt. Schon befürchte ich, er würde mit einem Vortrag über die Freuden des Fleisches und das Wunder der Zeugung beginnen, aber Vater wechselt, Briann sei Dank, abrupt das Thema: „Was glaubst du, wie sich die Akademie der Magier in der nächsten Ratssitzung entscheiden wird?“

Das ist eine schwierige Frage. In den Dörfern überschlagen sich die Gerüchte über Schattenkreaturen, die durch die Lande streichen. Bald wird der Hexenbrand wieder in Iriann wüten. Das Schattenlabyrinth zu versiegeln scheint die einzige Möglichkeit, das zu verhindern. Aber damit würde man die Insel auch von der Quelle der Magie abschneiden, und das will eigentlich niemand, am allerwenigsten die Akademie. 

„Ich vermute, sie werden gegen die Versiegelung stimmen“, sage ich. „Schlussendlich sind und bleiben sie Magier.“

„Du vermutest es oder du weißt es?“

„Ich vermute es. Woher soll ich es wissen?“

„Hat dir deine Freundin nichts verraten?“

„Raven ist Lehrmädchen in der Akademie. Du kannst nicht ernsthaft annehmen, sie wüsste, wie sich der Rat entscheidet.“

„Raven ist klug. Und was in diesem Fall noch wichtiger ist, sie vermag sich leise wie eine Katze bewegen. Du willst mir doch nicht erzählen, dass sie nichts gehört hat?“

Ich schüttele den Kopf. „Du kennst sie doch. Sie ist vorsichtig. Sie tut nichts, wodurch sie Gefahr laufen könnte, von der Akademie geworfen zu werden. Außerdem haben wir in den letzten Wochen kaum miteinander gesprochen.“

Vater wendet sich mir zu und hebt eine Augenbraue.

„Es ist wahr“, verteidige ich mich und nestele an dem Lederband herum, das ich um den Hals trage und an dem ein daumennagelgroßer Silberknopf hängt. „Ich fürchte, seine Macht ist fast aufgebraucht. Wir versuchen, die Knöpfe so wenig wie möglich zu benutzen.“

Der Silberknopf ist ein Artefakt. Vor Ravens Aufbruch nach Ionnach hat Vater uns identische Knöpfe geschenkt. Wir können damit auch über große Entfernungen hinweg sprechen. Aber mit jeder Benutzung schwindet die Kraft der Artefakte ein bisschen. Nur eine Magieschwemme kann sie wieder aufladen. 

„Ich kann sie fragen, wenn wir im Goldenen Wächter sind.“

Vater nickt zufrieden.

„Aber ich glaube nicht, dass sie etwas weiß“, schiebe ich hinterher und gebe mir Mühe, meine Stimme fest klingen zu lassen. „Und ich werde sie nicht dazu überreden, ihre Lehrer zu belauschen.“

„Du solltest ohnehin nicht mehr so viel mit ihr sprechen, wenn du in der Hauptstadt bist.“

Ich glaube, mich verhört zu haben. „Warum nicht?“

„Ich will nicht, dass Alyss Gerüchte zu Ohren kommen. Oder Corwin.“

Daher weht also der Wind. Natürlich geht es um den König. „Es wird keine Gerüchte geben, weil zwischen Raven und mir nichts passiert, was zu Gerüchten führen könnte.“ 

„Gerüchte müssen nicht immer der Wahrheit entsprechen. Denk an Jonah O’Malley.“

Ich senke den Kopf, weil ich nicht weiß, was ich darauf antworten soll.

„Wir haben so lange auf diese Verbindung hingearbeitet, Rowan.“

„Die O’Briens sind die mächtigste Familie in ganz Iriann“, halte ich dagegen. „Der König braucht uns.“

„Der König hat auch die O’Malleys gebraucht.“ Vater seufzt tief. „Die Situation in der Hauptstadt ist angespannt. Die nächste Magieschwemme ist erst in mehreren Sommern zu erwarten. Trotzdem hat man bereits Kreaturen gesichtet. Immer mehr Stimmen fordern, das Schattenlabyrinth zu versiegeln, ehe es zur nächsten Seuche kommt. Der Kronrat ist sich uneins und jeder bestürmt den König mit den eigenen Ängsten. Es ist jetzt wichtig, Stärke zu zeigen. Und Loyalität.“

„Also wirst du für die Versiegelung des Schattenlabyrinths stimmen?“

„Wenn es das ist, was der König will.“

Wütend kicke ich einen Kiesel in die Schlucht. „Hast du keine eigene Meinung?“

Mein Ausbruch bringt Vater nicht aus der Ruhe. „Natürlich habe ich die. Und die werde ich Corwin auch mitteilen. Aber wenn er sich anders entscheidet, kann er auf meine Stimme zählen. Der Kluge …

„… wählt seine Kämpfe stets selbst“, beende ich seinen Satz. Das ist einer seiner Leitsprüche. Ich muss mich dazu zwingen, nicht die Augen zu verdrehen. Mein Vater ist ein guter Mensch. Die Bewohner unseres Herzogtums schätzen ihn als gerechten Lehnsherrn und Beschützer. Meiner Mutter ist er ein treuer Ehemann, der sie stets bei seinen Entscheidungen mit einbezieht. Und er hat nicht nur dafür gesorgt, dass wir Kinder eine umfassende Ausbildung erhalten, sondern auch, dass wir nie an seiner Liebe zu uns zweifeln müssen. Meiner kleinen Schwester Willow erlaubt er sogar Unterricht im Schwertkampf.

Aber es gibt eine Sache, in der er unerbittlich ist: die Rückeroberung des Throns von Iriann, auf dem einst unsere Vorfahren gesessen haben. Vor etwa dreihundert Jahre ist die Königswürde von den O’Briens auf die Byrnes übergegangen. Unser Herzogtum Ehrenfeld ist die ertragreichste und damit einflussreichste Region der Insel, aber der Verlust der Krone schmerzt unsere Familie bis heute.

Seit er selbst die Herzogwürde von seinem Vater übernommen hat, zieht mein Vater Fäden und schmiedet Allianzen, die es uns O’Briens erlauben sollen, wieder aufzusteigen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er meine Mutter liebt. Dass sie als die Lieblingsbase der Königin galt, war aber damals sicher der maßgebliche Grund für ihn, um sie zu freien. Als zuverlässiger Unterstützer, aufrichtiger Berater und treuer Freund hat er sich seitdem beim König unentbehrlich gemacht. Sein Plan ist aufgegangen. Nicht nur hat König Corwin ihn in den Stand eines Erzherzogs erhoben. Er hat auch seine älteste Tochter Alyss mit dem ältesten Sohn meines Vaters verlobt. Mit mir.

Alyss war drei Sommer alt, ich nur wenige Monate jünger, und natürlich wurden wir nie nach unserer Meinung gefragt. Jetzt ziehen wir zu den Feierlichkeiten anlässlich ihres siebzehnten Geburtstags nach Ionnach, damit wir vor unserer Hochzeit im nächsten Frühjahr Zeit miteinander verbringen können. Jedenfalls ist das einer der Gründe für unsere Reise. Alyss ist ein lieber Mensch und eine Allianz zwischen den Byrnes und den O’Briens ist in diesen schwierigen Zeiten das Beste für Iriann. Ich hätte es nicht besser treffen können. Aber manchmal frage ich mich, was sie von den Plänen unserer Väter hält. 

„Wie würdest du dich entscheiden, wenn du eine Stimme in der Ratssitzung hättest?“

Vaters Frage überrascht mich. Wie würde ich mich entscheiden? „Unsere Insel ist der Ursprung aller Magie“, beginne ich vorsichtig. „Wenn die Artefakte ihre Kräfte verlieren, sind wir vom Wohlwollen unserer Nachbarn auf dem Festland abhängig.“

„Also wärest du dafür, die Schattenfeste nicht zu versiegeln?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Und damit eine erneute Ausbreitung des Hexenbrands riskieren?“

„Nein! Aber was wäre Iriann ohne Magie? Wie würden wir überleben?“

„Ja.“ Vater mustert mich aufmerksam. „Wie würden wir überleben?“

Ich zögere. „In unseren Bibliotheken stapelt sich in Schriftrollen das Wissen von Jahrhunderten. Und was nutzt es uns, die Quelle der Magie fließen zu lassen, wenn es eben diese Magie ist, die einen Hexenbrand entfesseln kann, der unsere halbe Nation auszurotten droht?“

„Es ist gut, dass du Ideen entwickelst. Als König brauchst du eine starke Meinung und einen festen Willen.“ Ich lächele, aber Vater ist noch nicht fertig. „Doch um weise zu regieren, musst du erst einmal König werden. Ich mag dir den Weg zum Thron geebnet haben, gehen musst du ihn selbst.“

„Also willst du, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffe. Du bist König Corwin ein ebenso weiser Ratgeber, wie ich es für Alyss sein möchte. Und Raven könnte wiederum mir als Ratgeberin zur Seite stehen.“

Vaters Blick bohrt sich in meinen. „Willst du König werden?“

„Ja“, antworte ich sofort. Als ob ich überhaupt etwas anderes zu ihm sagen könnte.

„Ich bin sehr stolz auf dich, Rowan. Ich weiß, dass du glaubst, ich sei enttäuscht gewesen, als du deine Ausbildung zum Pagen abbrechen musstest. Das Gegenteil ist der Fall. Du hast aus der Not eine Tugend gemacht und dich in deine Studien gestürzt. Du bist nicht ungeschickt in der Kampfkunst und du bist sehr gebildet, sogar gebildeter als ich.“ Sein Blick wird noch intensiver. „Wenn es jedoch etwas gibt, worin ich mich auskenne, dann ist das Hofpolitik. Vertrau mir. Ich habe so lange daran gearbeitet, dich auf dem Thron von Iriann zu sehen. Raven ist ein liebes Mädchen. Aber das letzte, was wir uns kurz vor deiner Hochzeit erlauben können, ist Gerede über eine Affäre mit einer Bürgerlichen.“

Meine Kehle schnürt sich zu. Darüber braucht sich mein Vater nun wirklich keine Sorgen zu machen. Raven ist meine beste Freundin. Ich werde nie etwas anderes als freundschaftliche Gefühle für sie empfinden. Für keine Frau. 

Aber das kann ich meinem Vater freilich nicht sagen.

ROWAN & ASH könnt ihr übrigens noch bis 19.07.2020 signiert vorbestellen [Link].